Spuren - Magazin für Neues Bewusstsein, Nr. 79, 2006,
Schweiz
DAS MUSIKALISCHE HERZ
Seit vielen Jahren arbeitet Wolfgang Bossinger als Musiktherapeut in einer
psychiatrischen Klinik. Schon oft hat er dort die heilsame Kraft des gemeinsamen
Singens erlebt. Bei einem schwer depressiven Arzt, dem keine andere Therapie
zuvor eine Besserung brachte, kam die Wende beim Singen eines indischen Mantras.
Doch auch beim Singen mit «gesunden» Menschen faszinieren Wolfgang Bossinger die
vielfältigen positiven Wirkungen. Immer wieder erlebt er, wie Singen Entspannung
und Lebendigkeit fördert und die Verbundenheit und das Gemeinschaftsgefühl der
Beteiligten stärkt. Bossinger ist deshalb besorgt über die Abnahme des Singens
im Alltag: «In Familien, aber auch in Kindergärten und Schulen wird immer
seltener gesungen. Viele Erwachsene und Jugendliche halten sich für
unmusikalisch und überlassen das Singen lieber Stars und Künstlern. Viele sind
im Bezug auf das Singen traumatisiert, durch Verletzungen beim Vorsingen in der
Schule oder durch Lächerlichmachen des Singens in der Familie.»
 |
| Wolfgang Bossinger beschäftigt
sich seit gut zwanzig Jahren mit dem gesundheitsfördernden Potenzial von
Musik und Gesang. Matthias Gerber hat ihn in Ulm besucht und an einem
seiner Singabende mitgemacht. |
Am offenen Abend, den ich besuche, singen wir Lieder aus verschiedenen
Kulturen, mit kurzen Texten und eingängigen Melodien, zu denen es keine Noten-
oder Textblätter braucht. Fast zu allen Liedern führen wir einfache Tänze und
Bewegungen aus. Als Wolfgang Bossinger das letzte Lied ankündigt, bin ich
überrascht, wie schnell die Zeit verstrichen ist. Ich merke, dass ich voll dabei
gewesen bin. Ich habe die Zeit und mich vergessen und bin ganz eingetaucht in
Musik und in den Augenblick. Für mich gibt es kaum eine unbeschwertere Art, in
diesen selbstvergessenen Zustand der Zeitlosigkeit zu gelangen.
Nach dem Singen gehen wir noch etwas trinken. Wir tauschen uns aus und
beginnen mit der Planung einer «Langen Nacht der spirituellen Lieder» in einer
Kirche, eines Benefiz-Singanlasses mit mehreren hundert Menschen. Da erlebe ich
einmal mehr, wie Singen Gemeinschaft stiftet, Freundschaft und Initiative
fördert.
Wolfgang Bossinger hat über seine Arbeit ein Buch geschrieben.
Hauptmotivation dazu war der Wunsch, die eigenen Erlebnisse mit Singen besser zu
verstehen und zusammenzufassen, was dazu bereits veröffentlicht worden ist.
Erstaunlich, was er zu seinem Thema aus so unterschiedlichen
Wissenschaftsdisziplinen wie Evolutionsbiologie, Sozialwissenschaften,
Anthropologie, Ethnologie, Medizin, Gehirnforschung und Psychologie an
Hintergrundmaterial finden konnte. Verschiedene Forschungen haben gezeigt, dass
unangestrengtes Singen entspannungsfördernd und stressabbauend wirkt, was sich
in einer Senkung des Cortisolspiegels, des Blutdrucks und der Herzfrequenz
zeigt. Auch verschiedene Hormone mit guten Wirkungen werden im Körper beim
Singen verstärkt ausgeschüttet, so zum Beispiel das «Schmusehormon» Oxytocin,
das beruhigend wirkende Melatonin und das immunstärkende Immunglobulin A.
Er selber hat sich vertieft mit der «Herzratenvariabilität» auseinander
gesetzt. Diese medizinisch messbare Schwingungsbreite der Herzfrequenz sagt
etwas aus über die Reaktionsfähigkeit und Flexibilität unseres Herzens, und sie
ist ein zentraler Faktor unserer Gesundheit. Bossinger hat festgestellt, dass
sich durch das Singen von bestimmten Chants und Mantren die
Herzratenvariabilität stark verbessert. Eine erstaunliche Erkenntnis dazu war,
dass dieser Effekt gehäuft eintrat bei Liedern, die zu einem Atemrhythmus von
ungefähr sechsmal in der Minute führen. Bossinger kommt zum Schluss: «Unser Herz
ist musikalisch und fängt an, in heilsamer Weise mitzuschwingen, wenn wir die
richtigen Töne und Melodien anschlagen. Unser Herz tritt in Resonanz, sobald das
Singen und Atmen die "richtige" Schwingung trifft.»
In Wolfgang Bossingers Buch finden sich noch viele weitere interessante
Erkenntnisse zum Singen, die weit über das Körperliche und Medizinische
hinausreichen. Weshalb fördern Singen und Musikunterricht die Intelligenz und
die Lernfähigkeit? Welche Zusammenhänge gibt es zwischen Singen und dem
Erreichen anderer Bewusstseinszustände? Was lebt musikalisch in uns Menschen von
der Evolution, von den höher entwickelten Säugetieren her? Was bewirkt das
Singen in Gruppen für die Psyche und die Gemeinschaft? Die heilende Kraft des
Singens ist eine Fundgrube. Jede Seite lässt spüren, was dieser engagierte Autor
beizutragen hat zu einer Singkultur im Alltag.
|
Zu seinem Lob Vor langer Zeit riefen die
Mönche in der Kirche laut ihre Gebete und Verehrungen. Obwohl die Töne
ihrer Gesänge nicht wirklich harmonisch zur Melodie und zum Versmass
passten, sangen die Mönche unmittelbar aus ihrem Herzen - so wie sie
es als stimmig empfanden. Eines Tages wurde entschieden, einen Dirigenten
zu engagieren, der den Mönchen beibringen sollte, wie man richtig singt.
Daraufhin machten die Mönche gesangliche Fortschritte, jedoch war die
Kirche nicht mehr erfüllt von der hingebungsvollen, andächtigen
Atmosphäre, sondern von geübten Stimmen. An einem Sonntagmorgen gingen die
Türen der Kirche auf, und Gott betrat sein Haus. «Warum singt ihr nicht
mehr?», fragte er die Mönche. Aus einem Interview mit dem Arzt und Clown
Patch Adams. |
Download dieses Textes als pdf-Datei
weiter zu
Publikationen