Zur Startseite Schwingung und Gesundheit
Neue Impulse aus Forschung, Kunst, Medizin und Musik CB-Logo

 

Fortlaufende Singgruppe Druckversion - Impressum - Programmheft (4 MB)

 

Farbenliebe

Lust und Problematik einer künstlerisch-therapeutischen Farbenforschung

Juliane Spitta

Farbe
Leuchtend, kraftvoll, klar und köstlich
Flimmernd, schimmernd, matt und festlich
Still und sanft, schrill und phantastisch
Flirrend, gleissend, knallig, saftig
Fruchtig, feurig, fad und prächtig
Wolkig, wässern, fett und mächtig.
Streng gefasst, frech konturiert
Gut gemalt, klar markiert
Gravitätisch, geheimnisvoll, heiter und so weiter.
Gepinselt, gestrichelt, gepunktet
Gekratzt, geschabt, gefunkelt
Geschmiert, gedruckt, gegossen
Glänzend, klingend – genossen.

Was ist Farbe?
Der Naturwissenschaftler meint hierzu:
Farbe ist eine objektiv mess- und quantifizierbare Eigenschaft von Dingen der Außenwelt. Eine objektivierbare Erscheinung der Welt, in der wir leben. Rot hat 750nm (Nanometer), Grün 550nm und Blauviolett etwa 400nm. Diese "sichtbare Oktave" ist nur ein kleiner Teil des gesamten elektromagnetischen Wellenspektrums und halt der, auf den unsere Augen ansprechen. Es kommen noch Infrarot, Radiowellen, Ultraviolett, Röntgen- und Gammastrahlen hinzu, die sich alle nur quantitativ (durch die Wellenlänge) vom sichtbaren Licht unterscheiden. Qualitativ ist es das gleiche.

Der Geisteswissenschaftler hierzu:
Farbe ist eine subjektiv-individuelle Wahrnehmung. Eine "innere" (seelische) Größe, die sich eher zufällig an einem äußeren Reiz entfaltet. Es ist eine ähnlich elementare Wahrnehmungsgröße für das Auge wie der Ton für das Gehör. Hier erhebt sich das große (und bis dato noch nicht befriedigend gelöste) Problem: Wie wird aus einer durch ein Außending ausgelösten Wahrnehmung eine innerliche Empfindung, ein Gefühl, eine subjektive Reaktion?
Hier haben wir das berühmte psycho-physische Problem, an dem die Philosophen seit Kant bis ins 20. Jahrhundert herumgedacht haben, ohne es so recht zu lösen.

Und Pragmatiker (wozu die Autorin sich rechnet) finden:
Weder der objektive noch der subjektive Standpunkt können so ganz überzeugen. In einer Art Hegel'scher Dialektik in praxi suche man sich einen Gesichtspunkt, von dem aus der objektive und der subjektive Standpunkt als zwei Seiten derselben "Medaille" durchgehen könnten. Den Rest an fehlender Erkenntnistheorie ("was ist die Medaille?") liefert die Lebenserfahrung im praktischen Umgang mit der Farbe.

Zur Problematik von Farbsymbolik
Alles auf dieser Welt hat eine Farbe, oder, präziser ausgedrückt: erscheint farbig. Und da den Menschen Farben von jeher gefielen, legen schon früheste Funde Zeugnis davon ab, dass Menschen es der Natur gern gleich machen und Gegenstände, Behausungen, Kultstätten wie sich selbst mit selbst gewonnen farbigen Substanzen ganz nach eigenem Gutdünken schmücken.
Da alles auf dieser Welt eine Farbe hat, kommen wir nicht umhin, dies als bedeutungsvoll zu sehen.
Wenn die Sonne scheint, ist der Himmel blau, es ist hell und alles scheint leichter. Wird deshalb Himmelblau mit Klarheit und Heiterkeit assoziiert? Ist der Himmel verhangen, erscheint er grau, die Menschen fühlen sich gedämpft und neigen zu  Schwermut, Erkältungen, Lustlosigkeit. Wird aus diesem Grund Grau mit Bedrückung, Langeweile und Kälte assoziiert? Blut erscheint rot und verrichtet gesunderweise im Körper verborgen seine Arbeit. Wenn hellrotes Blut sichtbar wird, heißt das Verletzung, Verlust von Leben, Alarm: Signalfarbe Rot. Wer Blut verliert, wird schwach, wer viel Blut verliert, stirbt. Demnach steht dieser rote Saft offensichtlich mit Vitalität und Kraft in Verbindung. Es ist anzunehmen, dass auch aus diesem Grund weltweit in allen Kulturen Rot mit Vitalität und Kraft assoziiert wird. Es ist das Eisen, welches Blut rot färbt. Aus Eisen werden seit Beginn der Eisenzeit Waffen hergestellt, Waffen dienen dem Kampf, im Kampf fließt Blut, im Kampf tobt Wut. Es gibt Sieger und Verlierer, der Siegreiche erhält Macht und Herrschaft, der andere verliert Blut, Leben, Macht. Das Eisen wie die Farbe Rot werden in vielen Kulturen den Kriegsgöttern  zugeschrieben, und früher wurden geistliche und weltliche Herrscher, gerne rot gekleidet.  Damit trugen sie sichtbar die Farbe des vergossenen Blutes gleichsam als Symbol für ihre Macht über Leben und Tod, wie um zu demonstrieren: Achtung, hier herrsche ich. Und wenn du dich meinem Gesetz widersetzt, kann auch dein Blut fließen.

Beobachtungen und Rückschlüsse dieser Art beschreiben eine Methode, sich der Entstehung von Farbsymbolik zu nähern: durch Analogiebildung. Im Grunde tut Goethe das auch wenn er nach jahrelanger Forschung auf dem Gebiet der Farbenlehre seine Ergebnisse zusammenfasst in der Behauptung: "Farben sind die Taten und Leiden des Lichtes". Sowie: "Farben entstehen im Kampfe des Lichts mit der Finsternis". 

Eine weitere Methode ist es, Farben auf sich wirken zu lassen, sie einfach zu fühlen. Beim längeren Aufenthalt in einem zinnoberroten Raum z.B. erhöht sich die Pulsfrequenz, Probanden fühlen sich angeregt bis aufgeregt bis hin zu aggressiv, manche regredieren und kriegen vielleicht Angst.  Je nach Typ, Situation, biografischem und kulturellem Hintergrund wird die gemachte Erfahrung dann negativ oder positiv bewertet, fühlt man eher Macht oder Ohnmacht, Lust oder Schmerz. Man kann vermuten, dass jede Kultur ihre Bewertungskategorien von gut und schlecht mit den Wirkungsweisen und Phänomenen von Farben zu ihrer spezifischen Farbsymbolik zusammenfasst.

Eine weitere Methode ist die Wahrnehmung nach Innen.  Die Augen schließen und nach Innen fühlen, z.B. in den Bauchraum. Hierbei stellen sich nach einer gewissen Zeit bei den meisten Menschen Farbwahrnehmungen ein, oft in Verbindung mit Erinnerungen und/oder körperlichen Sensationen wie Wärme, Kälte, Schmerz, Prickeln etc.

Bei der kunsttherapeutischen Erforschung der Wirksamkeit und Bedeutung von Farben bewegen wir uns demnach leicht auf schwer differenzierbaren Pfaden zwischen Psychologie, Metaphysik, Medizin, Kulturgeschichte und Poesie. Nicht zu vergessen ist die Chemie, welche Materialien liefert und die Physik, welche uns - wenigstens am Rande-  ebenso interessiert, weil wir uns auch aus diesem Bereich Antworten erhoffen auf Fragen wie: Was ist Farbe, was ist Licht, was ist Materie, welcherart ist die Einwirkung von Licht auf Körper...

In der Anwendung ist Farbe zum einen ein Material. Es ist pastos oder flüssig, staubig, stumpf, glänzend, wasserlöslich oder scheuerfest zum einen. Es trocknet langsam oder schnell, ist ab- und auswaschbar oder möglicherweise unerwünscht  permanent auf Kleidung, Möbeln, Böden. Es ist mehr oder minder lichtecht, natürlich oder synthetisch. Es riecht. Bei der Verarbeitung entstehen Arbeitsgeräusche, es wird mehr oder minder Kraft aufgewendet, eine Arbeitshaltung wird eingenommen. Es greift sich an. Es lässt sich tropfen, spritzen, wischen, walzen, spachteln, rinnen, schmieren, pinseln, kratzen. Mit Händen, Füßen, Stöckchen, Lumpen, Folien bearbeiten und manchmal essen. Schmeckt eine Orange orange? Ich finde ja. Uneingeschränkt.

Diese Sinnlichkeit ist wichtig im künstlerischen wie im therapeutischen Prozess und sie hat einen entscheidenden Einfluss 1. auf das Befinden , 2. auf die Art der Farbassoziationen, 3. auf die Farbwirkung:
Leicht zähflüssiges Sattrot weckt unweigerlich Blutassoziationen, während derselbe Farbton in feiner Pulverform eher an die Oberfläche eines Rosenblattes oder Schmetterlingsflügels erinnert. Schon hier sehen wir: Die wissenschaftliche Untersuchung der Wirkung von Farbe auf die menschliche Psyche ist kompliziert, weil äußerst komplex.
Der Farbauftrag ergibt einen Duktus: Technisch, zärtlich, akribisch, hingehaucht, hingeschmiert etc, der mitwirkt. Auch wenn Blau angeblich beruhigt – wirkt ein aggressiv hingeschmiertes Blau immer noch beruhigend?
Oder man denke an das Spätwerk von Jawlensky – diese postkartengroßen, "grob" gemalten "Gesichte", die er unter immensen Schmerzen und unter Aufgebot all seiner Kräfte mit zwischen beide Hände gebundenem Pinsel malte- wie viel wirkt hier die Farbe, wie viel die Geste, wie viel der Duktus, dem man die Kraft ansieht?
Technik und Oberfläche wirken mit, davon kann auch jeder Malermeister und Farbgestalter ein Lied singen, wenn die kleinen Farbmuster auf glänzendem Papier als Wandfarbe großflächig auf rauem Untergrund aufgetragen so ganz anders wirken und Bauherren nichts davon wissen wollen, dass sie eben diesen Farbton wählten.

Nun zur "Farbe an sich". Wenn ich hier Rot schreibe, wird jeder Leser einen anderen Farbton assoziieren. Von welchem dieser Rots sprechen wir? Welches untersuchen wir? Und: Wie untersuchen wir? Welche Versuchsanordnungen bräuchte es, um statistisch sinnvoll auswertbares Material zu erhalten?
Und hier stellt sich die nächste Frage: Wie objektiv wirkt Farbe? Wie objektiv sind die ihr zugeschriebenen Bedeutungen? Wirkt sie auf alle Menschen gleich, auf wen wirkt sie wie, wann und warum? Welche Rolle spielt der Zusammenhang? (Der farbige, stimmungsmäßige, inhaltliche...)
Physikalisch gesehen entspricht jeder Farbton einer Lichtfrequenz bzw. einer Mischung von Frequenzen, ähnlich wie in der Musik: ein Lichtton entspricht einer Sinusfrequenz, ein gemalter Ton eher beispielsweise einem obertonreichen Celloton. Töne wirken objektiv, sie übertragen ihre Schwingungen mehr oder minder stark auf die meisten Materialien, deutlich nachweisbar auf Flüssigkeiten, und da der menschliche Körper schließlich zu ca. 90% aus Wasser besteht...
Wie viel jedoch dringt davon in unser Bewusstsein? Wie viel davon dringt in wessen Bewusstsein, wie ließe sich das verifizieren? Menschen sind sowohl unterschiedlich sensitiv als auch unterschiedlich bewusst. Die Inhalte und Begrenzungen unseres Bewusstseins sind abhängig von vielen Faktoren, die sich allesamt schwer quantifizieren lassen. Was in der Kunsttherapie zählt, ist was ein Mensch erlebt. Denn das erlebt er objektiv. Ob ich dasselbe auch erleben kann, kann ich weder annehmen noch ausschließen. Was untersucht werden kann sind
- die das Erlebnis auslösenden Reize,
- das Erlebnis selber
unter Berücksichtigung von
- der Konstitution des Erlebenden,
- seiner derzeitigen Verfassung,
- seinem biografischen und kulturellen Hintergrund.

Farbtherapie 
1976 konnte der Biophysiker Fritz Albert Popp nachweisen, dass die Zellen lebender Organismen kontinuierlich winzige Mengen Licht aussenden. Er nannte dies Licht Biophotonen und gründete das Internationale Institut für Biophotonik in Neuss. Der Zweck dieser Biophotonen ist höchst umstritten, die Tatsache jedoch, dass unsere Zellen Licht produzieren, legt den Schluss nahe, dass sie auch von Licht (Farbe) beeinflusst werden. Wie und in welcher Weise das geschieht, scheint noch weitgehend unerforscht. Immerhin ist die Farbtherapie eine sehr alte und in allen Kulturen praktizierte Anwendungsform, in der man annimmt und beobachtet, dass Farben Heilungsvorgänge beeinflussen. 
Die Wirkung von Farben auf die Befindlichkeit von Menschen wird wissenschaftlich u.a. durch Messung der Gehirnströme bei vd. Farbeinwirkungen untersucht. Hier ist klar erwiesen: Farbe beeinflusst die Gehirnströme und damit Befindlichkeit und Verhalten. ("Bestimmte Tätigkeiten können die Gehirntätigkeit von Angestellten verbessern" SZ vom 18.10.00). Dass wir uns diese Wirkungen kaum bewusst machen, sie vielfach sogar Kraft unseres Intellektes ausschließen, indem wir sie in die Esoterikecke abschieben, macht eine wissenschaftliche Untersuchung und damit eine seriöse praktische Anwendung auf dem Gebiet der Farbtherapie schwierig.
Fragen der Farbtherapie tauchen jedoch auch in der Kunsttherapie auf und sind Teil der Kunst- und Kulturgeschichte sowie der Medizingeschichte, denn Farbe wirkt, Farbe ist ausdrucksvoll, Farbe ist wunderbar, aber Farbe ist ein vieldimensionales "Problem". Hochemotional. Und ich sehe zu seiner Erforschung für Zwecke der Kunsttherapie durch Kunsttherapeuten vor allem einen Weg: Die phänomenologisch betriebene empirische Wissenschaft von Farbausdruck und Farbwirkung. Hierzu braucht es, neben weitreichenden Materialkenntnissen, unerschöpfliche Neugier und Offenheit, scharfe Beobachtung, klares Denken, präzises Fühlen, Sensitivität und Intuition.
Zudem eine gemeinsame, eindeutig definierte  Begrifflichkeit und schon wird es wieder schwierig, denn wir haben im Grunde nur 5 Worte, die Farbtöne exakt beschreiben und die kommen aus der Drucktechnik: Schwarz, Weiss, Magenta, Cyan und Yellow; letztere drei bezeichnen die Primärfarbtöne von Rot, Gelb und Blau.
Wer verschiedene Türkissteine nebeneinander legt wird feststellen, dass es viele Türkistöne gibt, und wer die Pigmentliste vom Pigmenthersteller Kremer liest, kann zwischen einigen Ultramarintönen wählen...
Wir sind also zusätzlich noch vor Verständigungsprobleme gestellt, was exakte Forschungen nicht unbedingt erleichtert, wollen wir nicht von 12%M, 3%Y sprechen, was die drucktechnisch eindeutige Bezeichnung für  ein Hellrosa mit Gelbstich ist.

Farbe in Kunst und Selbsterfahrung
In der künstlerischen und kunsttherapeutischen Praxis ist das weniger problematisch, man besorge sich Material und beginne mit Selbstversuchen und scheue nicht vor einer bilder- und analogiereichen  Versprachlichung zurück, denn ohne die kommen wir hier nicht aus.
Farbe kann animieren, verführen, heilen, erschrecken, in Regression bringen, erfreuen, abstoßen, anziehen, alarmieren, beruhigen... und sie vermag jedes mögliche Gefühl und jede Atmosphäre exakt und nachvollziehbar abzubilden. Farbe ist erschreckend diskursiv, dem, der sich ihr öffnet. Wie der Farbfeldmaler Barnett Newman schrieb, ist dies "keine Frage des Stils, keine Frage des Geschmacks, sondern eine Frage der höchsten Empfindungskraft".
Und ohne diese "höchste Empfindungskraft" ist weder eine erfolgreiche Therapie noch die Erschaffung eines substanziellen Kunstwerkes möglich. Zudem brauchen wir das, was Goethe die "anschauende Urteilskraft" nannte und weiters das, was Klee in dem Begriff  des "bildnerischen Denkens"  zusammenfasste. Anders werden wir weder in der Lage sein,  den Farbausdruck unserer Klienten zu verstehen, noch werden wir mit der nötigen Phantasie ebenso spontan wie präzise zu intervenieren imstande sein.

Während die Wirkung von Farbe auf den Körper vornehmlich zum Ressort der Farbtherapie gehört, ihre Wirkung auf das Wohlbefinden vornehmlich zum Ressort der Farbgestalter und diejenige auf das Kaufverhalten zu dem der Werber, so interessiert uns als Künstler und Kunsttherapeuten vornehmlich ihre Fähigkeit, zwischen dem Bewusstsein und dem Unbewussten, dem Sichtbaren und dem Unsichtbaren integrierend zu vermitteln.
Farbe ist Ausdruck, Türöffner und Inspirationsquelle und lässt sich malen, musizieren und tanzen. Synästhetisches Erleben entsteht von alleine und ergibt eine große Bereicherung des therapeutischen wie des künstlerischen Prozesses.

Forschung Rot
Als Künstlerin befasst die Autorin sich seit 13 Jahren in systematischer Weise mit Farben. Während all dieser Jahre hat sie über lange Zeiträume täglich 5-8 Stunden mit Farben einer Farbgruppe gemalt, mit den roten Farben über ein Jahr. Keine Farbgruppe reflektiert so viele widersprüchliche, auch massiv konflikthafte Gefühle wie die Gruppe der roten Farben und es war ihr interessant,  alles erfahren, was sich durch Rottöne in ihr öffnet und sehen, was passiert.
Es war massiv. Neben einer Reihe großformatiger Arbeiten entstand folgender Text, der hier zur Anregung wiedergegeben sei:

Rot
Seit einiger Zeit befinde ich mich auf Forschungsreise in die Farbe Rot.
Es bedarf dazu keiner besonderen Medien, Farbe allein genügt einer sich entwickelnden Sensitivität, um mehr von sich selbst und der Geschichte zu verstehen, als Bücher es vermitteln könnten. Oder wie Barnett Newman das Evidenzerleben im Umgang mit Farbe beschrieb:
" es ist keine Frage des Stils, es ist keine Frage des Geschmacks, es ist eine Frage der höchsten Empfindungskraft."
Farbe ist erschreckend diskursiv. Jede Nuance einer Farbe birgt eine schwer zu begreifende, oft erschütternde Wirklichkeit.
Rot in seinen verschiedenen Schattierungen birgt Leidenschaft.  Zorn. Aktivität. Wut. Liebe. Inbrunst. Macht. Brutalität. Kraft. Aggression. Tatendrang. Sinnlichkeit. Schmerz.  Rot ist zwingend. Drängend. Es schreit immer: hier und jetzt und sofort.
Rot ist Blut. Autorität, Brutalität, Blüte.
Rot ist Feuer, Hölle, Bordell und Wunde. Rot ist Krieg ist Grausamkeit. Rot ist Leidenschaft,  verzehrendes Feuer, Raserei. Viel davon verbunden mit religiöser Diktatur und religiösem Fanatismus, symbolisiert im dem Rot der Könige und Kardinäle.
Ich bemale große Flächen mit Rot in allen Schattierungen: Ochsenblut, Feuerrot, Zinnober, Magenta, Pink, Karmin und alles, was dazwischen ist.  Dann beschreibe ich diese Flächen mit der Geschichte. Dies tue ich, indem ich kleine senkrechte Linien daraufsetze. Die Geschichte erzählt sich dann von alleine.
Denn ein großer Teil der Geschichte ist Rot.

Beim Malen ERLEBE ich Geschichte. Ein Strich für jeden Krieger auf dem Schlachtfeld, ein Feuersturm- er fällt. Mein penibler Pinsel zeichnet alles auf. Schwälle von Blut, die die Erde tränken. Folterbank. Dann ein Liebesbrief, inbrünstig. Wenig später könnte ich schreien vor Schmerz. Flamenco. Knallende Absätze und rhythmisches Klatschen. Ein heißes Machtgefühl. Zorn.  Inquisition. Fanatischer Glaube, brutal  vernichtend. Heißer Glaube, hoffnungslos verirrt. Innige Liebe, glühend.  Ein Klatschmohnfeld.
Litaneien von Glaubensbekenntnissen, die ich von irgendwoher zu kennen scheine. Ich schreibe sie alle auf und staune über die menschliche Fähigkeit zu glauben.
Es ist wie Archäologie.

Rot wie Wassermelone inwendig. Rosen, Gladiolen, Tulpen und Dahlien. Äpfel, Kirschen, Rotwein. Irgendwo ist auch dieses Rot der Unschuld, Süße, Fülle, Wonne. Ein japanisches Hochzeitskleid, dessen feuerrotes Futter nur der Bräutigam beim nächtlichen Entkleiden erblicken darf. Rot als die Farbe der entweihten wie der geoffenbarten Liebe. Rot in der selbstvergessenen Besessenheit einer Gewalttat wie im Schmerz,  der dies Selbst fühlbar macht und die Kostbarkeit des Lebens evident .

Farbe in der kunsttherapeutischen Praxis
Die Verfasserin  unterrichtet in Freiburg und Wien Kunst und künstlerische Selbsterfahrung in kunsttherapeutischen Studiengängen. Ein Baustein des Unterrichtes ist Künstlerische Farbenlehre, diese Einheit wird an einem Kompaktwochenende erarbeitet. Wie fließend die Grenzen zwischen künstlerischer Übung und Therapie sein können, lehrte mich das folgende Erlebnis.
Nach einem einleitenden Vortrag über Goethes Farbenlehre, ein paar prismatischen Versuchen  und einer Ausführung über Itten und Klee waren Mischübungen angeordnet. Erst systematisch, dann frei. Es dauerte nicht lange, und jede Person hatte eine Farbskala gefunden, die sie besonders interessierte. Zwei der 10 TeilnehmerInnen befassten sich intensiv mit Rot.
Am Abend machten wir noch eine Phantasiereise, in deren Verlauf man nacheinander die rote, blaue und grüne Tür in einem weissen Flur öffnet, um zu sehen, was sich dahinter befindet.
Am nächsten Morgen wirkte eine der beiden Frauen, die viel Rot gemalt hatten, blass und kränklich. Beim gemeinsamen Betrachten und Untersuchen der Farbkontraste hielt sie die Augen geschlossen. In der Pause suchte sie meine Nähe und berichtete, es ginge ihr nicht gut, sie hätte das Rot nicht ertragen. Vor dem Einschlafen wäre sie noch einmal durch die rote Tür gegangen.  In der Nacht sei sie dann zweimal aufgewacht, einmal mit Schüttelfrost, das andere Mal mit Brechdurchfall. Und sie habe nur gewusst, dass es mit dem Rot zu tun hat, welches sie gemalt hatte. Überhaupt habe sie Schwierigkeiten mit der Farbe Rot, aber diesmal habe sie sich damit anfreunden wollen. Sie war kreidebleich und zitterte am ganzen Körper, fragte mich, was sie tun solle. Ich entgegnete: Du musst entscheiden, ob du da ganz schnell wieder raus willst, oder ob du da durch willst. Sie wollte durch. Ich sagte: Was Farbe anrichten kann, das kann sie auch in Ordnung bringen und fragte  sie, welche Farbe ihr jetzt wohl täte. Sie antwortete: Grün. Wir mischten und malten also Grüntöne und wirklich wurde sie wieder ganz ruhig und bekam wieder etwas rote Farbe im Gesicht. Sie war einverstanden, es mit Rosa zu versuchen, Ich mischte ein ganz helles Pinkrosa und sie vermalte es, fand das angenehm. Dann mischte ich ein fleischfarbenes Rosa, sie machte einen Klecks und rannte fluchtartig aus dem Raum. Ich hinterher. Oben sperrte sie sich im Klo ein und erbrach. Ich bat sie, mich einzulassen, was sie tat, ich hielt ihre Stirn mit einem kühlen Lappen. Nach einer Weile erzählte sie unter Tränen, wie sie sich plötzlich daran erinnerte, dass sie als kleines Mädchen nach einer Mandeloperation fast verblutet war. Dabei lag sie ganz allein in einem gekachelten Raum und sah ihr Blut über die Kacheln fließen. Keiner hörte sie, niemand reagierte auf ihr Schreien und sie hatte Todesangst. Seither hatte  sie sich immer etwas unsicher und schwächlich gefühlt.
Nach diesem Gespräch schickte ich sie nach Hause, sie hatte genug Farbe erlebt und war auch wieder ruhig.

Zwei Wochen später besuchte sie mich im Atelier, blühend, und sagte, sie hätte sich noch nie so gut gefühlt wie seither, sie fühle sich vital wie noch nie und sei so empfindsam für Farben geworden, dass sie alles viel intensiver wahrnehme. Auch habe sie sich seither intensiv mit der Wirkung von Farbe beschäftigt und das sei umso erstaunlicher, als sie vorher Farbe uninteressant fand. Und außerdem hatte sie das Seminar bei mir als ungefährlich eingestuft. Vorher. Sie hatte sich nämlich vor jedem Seminar überlegt, ob das substantiell werden könne. Und dies Seminar über Farbenlehre hatte sie als absolut ungefährlich eingestuft. Nie hätte sie so was für möglich gehalten.
Ob sich für diese Frau dauerhaft etwas verändert hat, weiß ich nicht. In jedem Fall war es ein intensives Erlebnis für uns beide und die ganze Gruppe, und eine recht dramatische Bestätigung meiner eigenen Erfahrungen.

"Ein Auge sieht, das andere fühlt" (Paul Klee)
In einer von mir sehr geschätzten biografischen Übung lasse ich auf ein großes Blatt eine Spirale zeichnen und diese Spirale von Innen nach Aussen in Felder aufteilen. Das erste Feld steht für das erste Lebensjahr, das letzte für das Gegenwärtige. Dann wird die Spirale ausgemalt, für jedes Jahr werden Farben, Strukturen, Symbole, vielleicht Wörter gewählt. Diese Übung kann in Gruppen wie in Einzelarbeit ausgeführt werden. In der Gruppenarbeit wird anschließend darüber gesprochen, in der Einzelarbeit lasse ich auch einmal gleichzeitig erzählen und malen, was besonders interessant ist, weil die Zuordnung eines Erlebnisses zu einer bestimmten Farbe wichtige Informationen geben kann. Z.B. erzählte ein Mann zu seinem 4. Lebensjahr: Und hier haben sich meine Eltern getrennt. Dabei wurde seine Stimme weich und er wählte mit geradezu zärtlicher Geste ein helles Grün und malte das Feld ganz damit aus. Später tauchte dieses Grün immer in Jahren auf, wo er besonders glücklich war, auch spielte diese Farbe bei einem später entstandenen Farb-Selbstportrait eine entscheidende Rolle. Mir gab das die Information, dass die Trennung der Eltern zumindest in der  gegenwärtigen Konfliktbewältigung keine Rolle spielt.

Beobachtet werden muss in jedem Fall neben der Farbwahl die innere Haltung, der Duktus des Farbauftrags sowie die eigene Interpretation des Gestaltenden.
Bei einer Frau tauchte die Farbe Rot in der Spirale ausschließlich als Synonym für Krisenzeiten auf in Form von roten Zackenlinien und roten Kreuzen. Letztere standen für Krankenhausaufenthalte. In einem Folgebild malte sie eine brennend rote Abkapselung in einer Anordnung von lustvoll gemalten grünen Schwüngen. Ich konnte sehen und fühlen, dass sie sich mit ihrem vor zwei Jahren entfernten Tumor beschäftigte und regte sie an, ein ganz großes Bild zu malen, wozu sie eine scheue Lust hatte (...darf ich das wirklich?...). Ich empfahl ihr, diesmal mit Rot zu beginnen und zeigte ihr zur Anregung angenehme, weiche, fruchtige Rottöne. Wir entfernten das kleinere Blatt und klebten ein 3x3m großes Papier an die Wand. Sie begann mit Rot. Am Ende hatte sie ein Bild gemalt, das dem ersten erstaunlich ähnelte, nur war das Rot diesmal nicht abgekapselt, sondern eingebettet und in einer Umarmung mit dem grünen Umfeld. Im anschließenden Gespräch sagte ich ihr, was ich gesehen und gefühlt hatte und sie sagte, dass sie wusste, dass "sich da der Tumor malt" und darüber erschrocken war. Dass das Thema im zweiten Bild wieder auftauchte, die Abkapselung sich jedoch auflöste, bemerkte sie erst, als ich das erste Blatt dazu hängte. Sie war sehr erschüttert und hatte die Erfahrung mitgenommen, was passiert, wenn sie sich (als große, füllige Frau) viel Raum gibt und Rot zulässt: Dann kann sich das ordentlich in ihr Zusammengedrückte entfalten und wie von alleine balancieren. 

Ich bin immer wieder erstaunt, wie exakt das Farbempfinden auch der ungeschultesten Menschen ist, wenn sie einmal ihre Aufmerksamkeit darauf richten, und wie tief die Freude über diese im Grunde sehr einfache Möglichkeit, sein Leben zu bereichern.
Künstler und Künstlerinnen wurden zu allen Zeiten im Umgang mit Farbe von Ehrfurcht ergriffen. Vielleicht war das zu den Zeiten leichter, als noch keine inflationäre Bilderflut und kein Dauerstress ihre Wirkung überdeckte.
"Ein Bild sagt mehr als tausend Worte" lautet ein altes Sprichwort. Schon eine einzige Farbe erzählt Geschichten. Und damit kein Unkundiger denkt, der Volksmund kenne die vielschichtigen Bedeutungsebenen der Farbe nicht, sei hier zum Abschluss eine kleine Geschichte erzählt:

Ella hat den grünen Daumen, aber sonst heißt es, sie sei blauäugig. Als wenn das schlecht wäre. Gelb vor Neid über den grünen Daumen ist Paul, der  auch sonst nicht eben ein goldenes Herz hat.  Dennoch fahren die beiden eines schönen Sonntags ins Blaue, denn sie sind sich grün.
„Und Grün des Lebens goldener Baum...“ Immer, wenn Ella selig ist, zitiert sie Goethe. „Ach, du Greenhorn“ entgegnet
Paul, der  Goethe altmodisch und Ella ein bisschen unreif findet. Als Ella dann auch noch von der blauen Blume, einer Erfindung des blaublütigen Romantikers Novalis schwärmt, sieht er Rot. Das währt aber nicht lang, denn soeben kreuzt , - von links nach rechts -  eine schwarze Katze die Strasse und Paul wird weiß vor Schreck.  „Habe ich eine schwarze Seele?“ Fragt er Ella bang , deren rosa Brille dieses ohnehin nie erkennen könnte, wie er zu wissen glaubt.
Aber Ella findet schwarz schön.        (!?...)
Am Straßenrand torkelt einer, und Ella sinniert, ob der weinselige Goethe wohl auch mal so blau war... 
„Irgendwann muss jeder Farbe bekennen!“, sagt Paul trocken. Ein silbriges Lachen erklingt und Paul fällt ein mit seinen dunkleren Tönen. „Besucht Fritz eigentlich noch immer den Rotlichtbezirk?“ Ella bringt das Auto exakt vor der roten Ampel zum Stehen. „Seit seine Stelle dem Rotstift zum Opfer fiel...“ Silbriges Lachen und dunklere Töne im Unschuldsweiß des neuen Wagens, feurig grün die Wiesen im Abendlicht.
Auch Liebe ist Rot.

Literatur

  • John Gage: Die Sprache der Farben, Ravensburg 1999
  • Goethe: Farbenlehre
  • Eva  Heller: Wie Farben wirken, RoRoRo 1999
  • Derek Jarman: Chroma, Merveverlag,  Berlin 2000
  • Paul Klee: Das bildnerische Denken, Basel 1981
  • Barnett Newman: Schriften und Interviews, Gachnang und Springer Verlag, Bern-Berlin 1996
  • Ingrid Riedel: Farben, Kreuzverlag 1981
  • SZ vom 18.10 2000, "Standpunkte": "Farben können die Gehirntätigkeit von Angestellten verbessern"


© 2006-2008 Christophsbad Göppingen. Letzte Aktualisierung am 27.11.07 nach oben