von Wolfgang Bossinger
Bossinger: Herr Fassbender - Sie beschäftigen
sich mit Klangkunst, neuen Formen des Musizierens und bewusstem Hören. Was
verstehen Sie unter Bewusstem Hören?
Jochen Fassbender: Der Hörsinn birgt für uns
vielleicht mehr als jeder andere Sinn die Möglichkeit einer sehr intensiven
Begegnung mit der Außenwelt. Wenn Sie mich zum Beispiel anschauen, bleiben Sie
mit Ihren Augen am Pullover - an meinem äußeren Erscheinungsbild - hängen. Wenn
Sie aber meine Stimme hören und vielleicht nicht so sehr darauf achten, was ich
sage, sondern wie meine Stimme klingt, dringen Sie viel tiefer. Sie können sehr
viel über meine innere, seelische und emotionale Beschaffenheit - über meine
Persönlichkeit - erfahren. Das deutsche Wort "Person" stammt übrigens von dem
lateinischen Wort "personare" ab, was wiederum ins Deutsche übersetzt
"hindurchtönen" bedeutet. Insofern tönt nicht nur bei Personen sondern bei
allem, was klingt die innere Beschaffenheit hindurch. Bewusstes Zuhören ist eine
Tätigkeit, die Brücken baut zwischen mir und meiner Außenwelt und ein tieferes
Verständnis herstellt. Und da die Außenwelt immer auch mich selber spiegelt,
hilft diese Tätigkeit dabei, mich selbst zu erkennen.
Bossinger: Welche Bedeutung hat für Sie das
Musizieren? Sie bringen es mit dem Spiel eines Kindes in Verbindung, das die
Welt neu entdecken kann.
Jochen Fassbender: Die Welt der Erwachsenen ist
stark von Zweckmäßigkeiten geprägt. Ein Löffel ist zum essen da, ein Stuhl zum
sitzen usw. Das Spielen von Kindern hingegen kennt keine Grenzen. Alles ist
möglich und erlaubt. Ein Löffel taugt nicht nur zum Essen, sondern kann ganz
viele verschiedene Funktionen erfüllen.
Wenn wir nun mit allem, was klingt,
möglichst unvoreingenommen spielen, lernen wir viele Fassetten der Klangquelle
kennen und können sie dadurch gründlicher erkunden. Ein Klangkörper ob nun aus
Holz, Glas oder Stein, der auf verschiedenste Weise anschlagen, gerieben,
gestrichen oder angeblasen wird, kann Klangeigenschaften an den Tag legen, die
wir nicht für möglich gehalten hätten. Ein unendlich breites Spektrum an
Klangmöglichkeiten tut sich auf, ausgelöst durch verschiedenste Materialien,
Formen, Resonanzen und die Art der Klangerzeugung. Es ist sehr spannend, sich da
auf Entdeckungsreise zu begeben.
Und genau darin sehe ich die Aufgabe der
zeitgenössischen Musik. Früher sagte ein Johann Sebastian Bach, wenn er sich in
sein Komponierstübchen zurückzog, er geht zum Zwiegespräch mit Gott. Er hatte
also die Gabe, Musik aus geistigen Sphären zu empfangen und auf die Erde zu
holen. Ich glaube, dass das in unserer Zeit so nicht mehr geht, sondern dass
genau das Gegenteil ansteht: In alles, was klingt auf dieser Erde, müssen wir
aufmerksam hineinhören. Und wenn wir das Gehörte als schön empfinden, kann sich
etwas befreien – vergeistigen.
Bossinger: Welche Rolle spielen für Sie
Schwingung und Resonanz für das Leben und die Welt? Was gibt es aus Ihrer Sicht
für Zusammenhänge zu Gesundheit und heilsamen Wirkungen?
Jochen Fassbender: Ich möchte es mal anhand eines
Tonoskops veranschaulichen. Ein Tonoskop ist im Prinzip eine mit Sand bestreute
Trommel. Wenn man diese durch eine Röhre ansingt, geht die Trommelmembran zur
Stimme in Resonanz, wodurch sich der Sand in wunderschöne, organisch anmutende
Formen hineinlegt. Immer wieder kann man Blatt- oder Blütenformen mit den
Sandstrukturen assoziieren - die Gerippe eines Skeletts oder die wellenförmigen
Strukturen eines Sandstrandes. Wir erleben also, dass Klänge Formen schaffen
können, die Pflanzen, Tieren und anderen Organismen ähnlich sind. Dadurch kommt
dann schnell die Frage auf, ob nicht die Kraft, die hinter allem wirkt, etwas
ist, was dem Klang verwandt ist. So steht es ja auch in der Bibel: Am Anfang war
das Wort.
Jeder Ton birgt in sich ein schöpferisches wie auch zerstörerisches
Potential. Es kommt immer darauf an, wie und wo er erklingt - welche Resonanzen
auftreten. Jede Räumlichkeit geht immer wieder anders in Resonanz. Mal werden
Schwingungen verstärkt, mal unterdrückt. Auch in jedem Zuhörer bildet sich quasi
auch ein Raum - ein Seelenraum, in dem Klänge und Geräusche sich ganz
unterschiedlich entfalten können. Ein richtiger Klang am richtigen Ort kann
Wunder bewirken. So ist es für mich immer wieder beeindruckend, zu erleben,
welch starke Wirkung es zum Beispiel auf Menschen haben kann, wenn sie sich auf
die Resonanzwiege legen - einem Instrument, bei dem an- und abschwellende Töne
auch über den Tastsinn wahrnehmbar sind.
Einmal konnte ich es miterleben,
wie eine Komapatientin über die Klänge eines kupfernen Röhrenglockenspiels
erwacht ist. Das war für mich ein sehr bewegender Moment. Das Röhrenglockenspiel
hat einen sehr langen Nachklang. In meinen Kursen stelle ich fest, dass die
Klänge dieses Instruments auf Kinder wie Erwachsene eine äußerst entspannende
Wirkung haben. Die Zuhörer werden oft müde, gähnen und fühlen sich in einem
traumhaften Zustand versetzt. Durch die Komapatientin erfuhr ich, dass es auch
anders herum möglich ist, jemandem aus Traumzuständen abzuholen.
Bossinger: Wie sind Sie persönlich zu dieser
intensiven Beschäftigung mit Klängen und dem Hören gekommen?
Jochen Fassbender: Schon als kleiner Junge konnte
ich an keinem Musikinstrument vorbeigehen, ohne es zum Klingen zu bringen. Mich
hat es dabei immer fasziniert, die verschiedenen Klangmöglichkeiten und auch die
Grenzen des Instruments herauszufinden. Doch was mich nicht interessiert hatte,
war die übliche Herangehensweise an Musik - das Abspielen vom Notenblatt oder
das Etüden Spielen. Ich bin heute froh, dass ich mir meinen Spieltrieb nicht
abgewöhnt habe. Ohne diesen Spieltrieb hätte ich das Vermögen nicht entwickeln
können, Klangobjekte nach meinen eigenen Vorstellungen zu kreieren und einen
anderen Zugang zu den Klangwelten zu finden.