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Stuttgarter Zeitung, 25. Oktober 2004

Des Forschers höchstes Glück …
Eine kleine Wissenschaftler-Typologie aus der Region
STUTTGART. Wenn es um Forschung und Innovationen geht, dann liegt die Region Stuttgart bundesweit an erster Stelle - das ist bekannt. Weniger bekannt sind die Menschen hinter den zukunftsweisenden Projekten. Antje Schmid hat eine kleine Forscher-Typologie erstellt.

Leo Hermle

Forscht über die Wirkung von Drogen: Leo Hermle

Der Besessene
Lachen ist die beste Medizin
Leo Hermle, Psychiater

Der Mann ist im Stress. Schnell noch den weißen Arztkittel überstreifen. Mit großen Schritten schreitet der Chefarzt auf ein Biedermaiersofa zu, das im Göppinger Christophsbad steht, einer Klinik für psychisch kranke Menschen. Er setzt sich, schlägt die Beine übereinander. Im Hintergrund tickt lautstark eine antike Standuhr. Trotz des historischen Ambientes ist die Zeit für Leo Hermle nicht stehen geblieben. Der Mann hat Kraft, so viel, dass er davon anderen noch jede Menge abgeben kann: seinen Patienten. Darunter viele Drogenabhängige, Menschen, die unter Psychosen oder Depressionen leiden. "Ich gebe gerne von meiner Energie ab", sagt er – und es klingt so selbstverständlich, beinahe beiläufig. Dabei könnte der 54-Jährige bisweilen selbst Zuspruch gebrauchen bei dem Pensum, das er sich aufbürdet.

Schon viele Menschen hat der Chefarzt im Laufe seiner Berufsjahre gesehen, die an Drogen zu Grunde gingen, sich das Leben nehmen wollten. Dies war für den Arzt stets eine Herausforderung an sich und auch an seine therapeutischen Fähigkeiten. Bei all seinen Erfahrungen hat er sich stets gefragt: Warum nehmen sie die Drogen? Was geben sie ihnen? "Mich motiviert es, dass man Menschen in scheinbar ausweglosen Situationen helfen kann", sagt. Leo Hermle, der über 165 Menschen in stationärer Behandlung im Göppinger Christophsbad wacht.

Den Drogenabhängigen schenkt er seine Zeit - in der Klinik und in der Wissenschaft.
Der Privatdozent an der Universität Freiburg hat in der Vergangenheit über die Wirkung von Ecstasy geforscht, in seinem aktuellen Projekt "Psychose und Sucht" widmet er sich dem Zusammenhang zwischen Drogenabhängigkeit und dem Auftreten von Psychosen.

Für seine Patienten sei er eine Art "Geburtshelfer", sagt Leo Hermle - einer, der sie dabei unterstützt, ihre Krankheitsgrenzen zu überwinden und wieder gesund zu werden. Von Gefühlsduselei hält der standhafte Psychiater allerdings nichts: "Ich bin nicht der gute Onkel; jeder Kranke muss seinen eigenen Beitrag zur Genesung leisten."

Der Chefarzt hat keine Berührungsängste - diese wären ihm wohl auch eher hinderlich. Er lässt sich ganz auf seine Patienten und ihre Grenzerfahrungen ein: Um besser verstehen zu können, hat der Mediziner die Wirkung von Ecstasy im Rahmen einer wissenschaftlichen Studie gemeinsam mit anderen Ärzten auch schon an sich selbst ausprobiert. "Dabei konnte ich das Glücksgefühl durchaus nachvollziehen", sagt er.

Das Spannende an seiner Forschung beginnt für den gebürtigen Gosheimer dort, wo Grenzen auch ohne Drogen überschritten werden können: "Ich denke, jeder Mensch hat ein legitimes Bedürfnis nach Grenzerfahrungen", so sein Ansatz. Dass Glücksgefühle auch ohne Ecstasy, beziehungsweise ohne andere Drogen, beispielsweise mit Meditation entstehen können, ist ein Ansatz, dem er in der Wissenschaft folgen will. Dabei beschränkt sich der tatkräftige Arzt nicht: Er stöbert auch in der Ethnologie, sucht bei andern Völkern, mit welchen Pflanzen diese sich ihre Rauschzustände geschaffen haben. Diesen Themen will er sich in Zukunft stärker widmen. Und der Mediziner versucht sich mit seiner Herangehensweise ein Stück weit auch als Grenzgänger in der Medizin: "Ich denke", sagt er, "wir benötigen ein neues Bewusstsein."

Trotz vieler schwieriger Fälle ist Leo Hermle der Humor geblieben - kein Wunder dass auf der Thermoskanne auf seinem Schreibtisch ein Autkleber mit der Aufschrift "Lachen ist die beste Medizin" klebt.



© 2006-2008 Christophsbad Göppingen. Letzte Aktualisierung am 27.11.07 nach oben