Des Forschers höchstes Glück …
Eine kleine Wissenschaftler-Typologie aus der Region
STUTTGART. Wenn es um Forschung und Innovationen geht, dann liegt die Region
Stuttgart bundesweit an erster Stelle - das ist bekannt. Weniger bekannt sind
die Menschen hinter den zukunftsweisenden Projekten. Antje Schmid hat eine
kleine Forscher-Typologie erstellt.
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Forscht über die Wirkung von
Drogen: Leo Hermle |
Der Besessene
Lachen ist die beste Medizin
Leo Hermle, Psychiater
Der Mann ist im Stress. Schnell noch den weißen Arztkittel überstreifen. Mit
großen Schritten schreitet der Chefarzt auf ein Biedermaiersofa zu, das im
Göppinger Christophsbad steht, einer Klinik für psychisch kranke Menschen. Er
setzt sich, schlägt die Beine übereinander. Im Hintergrund tickt lautstark eine
antike Standuhr. Trotz des historischen Ambientes ist die Zeit für Leo Hermle
nicht stehen geblieben. Der Mann hat Kraft, so viel, dass er davon anderen noch
jede Menge abgeben kann: seinen Patienten. Darunter viele Drogenabhängige,
Menschen, die unter Psychosen oder Depressionen leiden. "Ich gebe gerne von
meiner Energie ab", sagt er – und es klingt so selbstverständlich, beinahe
beiläufig. Dabei könnte der 54-Jährige bisweilen selbst Zuspruch gebrauchen bei
dem Pensum, das er sich aufbürdet.
Schon viele Menschen hat der Chefarzt im Laufe seiner Berufsjahre gesehen,
die an Drogen zu Grunde gingen, sich das Leben nehmen wollten. Dies war für den
Arzt stets eine Herausforderung an sich und auch an seine therapeutischen
Fähigkeiten. Bei all seinen Erfahrungen hat er sich stets gefragt: Warum nehmen
sie die Drogen? Was geben sie ihnen? "Mich motiviert es, dass man Menschen in
scheinbar ausweglosen Situationen helfen kann", sagt. Leo Hermle, der über 165
Menschen in stationärer Behandlung im Göppinger Christophsbad wacht.
Den Drogenabhängigen schenkt er seine Zeit - in der Klinik und in der
Wissenschaft.
Der Privatdozent an der Universität Freiburg hat in der
Vergangenheit über die Wirkung von Ecstasy geforscht, in seinem aktuellen
Projekt "Psychose und Sucht" widmet er sich dem Zusammenhang zwischen
Drogenabhängigkeit und dem Auftreten von Psychosen.
Für seine Patienten sei er eine Art "Geburtshelfer", sagt Leo Hermle - einer,
der sie dabei unterstützt, ihre Krankheitsgrenzen zu überwinden und wieder
gesund zu werden. Von Gefühlsduselei hält der standhafte Psychiater allerdings
nichts: "Ich bin nicht der gute Onkel; jeder Kranke muss seinen eigenen Beitrag
zur Genesung leisten."
Der Chefarzt hat keine Berührungsängste - diese wären ihm wohl auch eher
hinderlich. Er lässt sich ganz auf seine Patienten und ihre Grenzerfahrungen
ein: Um besser verstehen zu können, hat der Mediziner die Wirkung von Ecstasy im
Rahmen einer wissenschaftlichen Studie gemeinsam mit anderen Ärzten auch schon
an sich selbst ausprobiert. "Dabei konnte ich das Glücksgefühl durchaus
nachvollziehen", sagt er.
Das Spannende an seiner Forschung beginnt für den gebürtigen Gosheimer dort,
wo Grenzen auch ohne Drogen überschritten werden können: "Ich denke, jeder
Mensch hat ein legitimes Bedürfnis nach Grenzerfahrungen", so sein Ansatz. Dass
Glücksgefühle auch ohne Ecstasy, beziehungsweise ohne andere Drogen,
beispielsweise mit Meditation entstehen können, ist ein Ansatz, dem er in der
Wissenschaft folgen will. Dabei beschränkt sich der tatkräftige Arzt nicht: Er
stöbert auch in der Ethnologie, sucht bei andern Völkern, mit welchen Pflanzen
diese sich ihre Rauschzustände geschaffen haben. Diesen Themen will er sich in
Zukunft stärker widmen. Und der Mediziner versucht sich mit seiner
Herangehensweise ein Stück weit auch als Grenzgänger in der Medizin: "Ich
denke", sagt er, "wir benötigen ein neues Bewusstsein."
Trotz vieler schwieriger Fälle ist Leo Hermle der Humor geblieben - kein
Wunder dass auf der Thermoskanne auf seinem Schreibtisch ein Autkleber mit der
Aufschrift "Lachen ist die beste Medizin" klebt.