in Musiktherapeutische Umschau 1/2006, Band 27, Seite
77
Wolfgang Bossinger: Die heilende Kraft des Singens. Von
den Ursprüngen bis zu modernen Erkenntnissen über die soziale und
gesundheitsfördernde Wirkung von Gesang, Books on Demand GmbH, Norderstedt 2005,
296 S., 23,80 Euro
Nach der Lektüre dieses Buches hat man den Eindruck, man sei von einer weiten
Reise zurückgekehrt. Man sitzt in seinen vier Wänden und versucht zu
rekapitulieren, wo überall man gewesen ist und was alles man erlebt hat. Der
Autor selbst ist weit gereist und berichtet von singenden Schamanen und
Zauberinnen, von Sufis, von Mönchen; er beschreibt "Jam Sessions" und
"Hitparaden" der Buckelwale, akustische Meisterleistungen von Fröschen, die
Höhlen als Verstärker für ihre Stimmorgane nutzen, und anderen singenden Tieren.
Gesang findet er in den Schöpfungsmythen der Religionen; er verleiht der Seele
Flügel, mit denen die Sänger transzendente Räume und morphogenetische Felder
durchstreifen. Klang- und Stimmerfahrung begleitet die menschliche Entwicklung
vom intrauterinen Stadium bis zur Altersdemenz, steigert seine soziale
Kompetenz, seine Intelligenz, seine Arbeitskraft und hilft bei der Bewältigung
schwerster Lebenskrisen. Der Autor schreibt über die Gesänge aus den Gaskammern,
Klagegesänge, Arbeitsgesänge. Wir erfahren vom "Homeless-Chor", einem Ensemble
von Wohnsitzlosen in Montreal, Kanada. Gesang hilft den Menschen
zusammenzustehen.
Im Hauptkapitel des Werkes trägt Wolfgang Bossinger neurophysiologische,
physiologische und musikpsychologische Forschungsergebnisse zusammen, die
eindrucksvoll die "Heilende Kraft" belegen, die dem Singen zugesprochen wird.
Vieles davon trifft nicht nur auf das Singen, sondern auf die Musikwirkung
generell zu, wie die vegetative Beeinflussung von Körperfunktionen Puls, Atmung,
Blutdruck, Verdauung, Immunsystem und anderes. Besonders die Atmung wird
naturgemäß beim Singen besonders stimuliert, was weitreichende Konsequenzen auf
den gesamten Organismus hat. Ein hoch interessantes Kapitel widmet Bossinger der
Harmonisierung von Herzfunktionen, die er durch das Singen oder Skandieren von
Mantras bei Patienten und bei sich selbst mit medizinischen Messgeräten
nachweisen konnte. Mit den physiologischen einher gehen emotionale
Veränderungen, die Gesang als Antistress- und als Antidepressivum erscheinen
lassen. Die »Heilende Kraft« des Gesangs besteht in seiner stress- und schmerz-
reduzierenden, stimmungsaufhellenden und Lebenszufriedenheit erzeugenden,
Selbstwert- und Selbstbewusstsein stärkenden und soziale, kognitive und kreative
Kompetenzen fördernden Wirkung. Gesang erscheint als ein globales Phänomen, das
dem Menschen vom Mutterleib bis zur Sterbebegleitung als Ressource zur Verfügung
steht, um Gesundheit, Wohlbefinden und Sinnerfüllung zu realisieren. So weit so
gut, so weit so richtig.
Wie aber kann diese "heilende Kraft" des Gesangs zu einer gesellschaftlich
relevanten Ressource des Gesundheitswesens werden? Vieles steht dem entgegen.
Die eingestreuten Fallgeschichten ersetzen keine Indikationslehre des Singens,
auch die zitierten Forschungsprojekte nicht. Gesang als Ressource ist der
Medizin abhanden gekommen. In der Musiktherapie gibt es zwar immer wieder
Situationen, in denen Patienten Singerfahrungen wesentlich zu ihrer Gesundung
nutzen konnten. Bossinger berichtet eindrucksvoll darüber. Es sind aber
Einzelfälle. Vielen anderen Patienten ist und bleibt der Zugang zu den
biopsychosozialen Ressourcen des Gesangs versperrt. Traumatisierungen, die sie
während ihrer Singbiographie erlitten haben, spielen dabei eine große Rolle.
Dass häufig Musikpädagogen dafür verantwortlich sind, ist skandalös,
katastrophal aber ist, dass es bis heute keine Konsequenzen in der
Lehrerausbildung gibt und die wenigsten Musikpädagogen lernen, ihre Schüler in
einer Weise zum Gesang zu führen und anzuleiten, die ihnen die Lust am Singen
zugänglich macht und erhält. So wird die heilende Kraft des Gesangs auch im
präventiven Gesundheitsbereich nur unzureichend genutzt.
Wolfgang Bossinger stellt eine Menge an Argumenten für die Neubewertung des
Singens in pädagogischen und therapeutischen Kontexten zur Verfügung. Sein Buch
ist so geschrieben, dass auch Medizin- und Bildungsplaner verstehen und
nachvollziehen können, warum es unabwendbar nötig ist, Singaktivitäten zu
fördern, entsprechende Forschungen zu ermöglichen und Curricula anzupassen.
Musikalische Laien und Durchschnittsbürger, denen dieses Buch in die Hände
fällt, werden Lust bekommen, einen Chor oder eine Singgruppe an ihrem Wohnort
aufzusuchen oder eine der Chanting Gruppen zu besuchen, die der Autor unter
www.healingsongs.de anbietet.
Hartmut Kapteina, Siegen
zurück