NWZ / vitawell, 14. März 2006
Krankheit als musikalisches Problem
Die Veranstaltungsreihe "Schwingung & Gesundheit" im Göppinger
"Christophsbad", die Impulse aus Forschung, Kunst, Medizin und Musik geben soll,
wird am 16. März fortgesetzt. Ab 19.30 Uhr referiert der Chronomediziner
Professor Maximilian Moser aus Weiz in Österreich im Herrensaal des
Christophsbades zum Thema "Rhythmus und Gesundheit: Jede Krankheit ein
musikalisches Problem".
Moser leitete ein Forschungsteam, das beim "Austromir"-Weltraumprojekt und
später mit russischen Kosmonauten zahlreiche Projekte an der Raumstation "Mir"
durchführte.
Derzeit entwickelt Moser in Zusammenarbeit mit der Humanomed-Klinik an
Althofen/ Österreich eine "Rhythmuskultur", die biologische Zeitgeber und
kunsttherapeutische Elemente als Heilfaktoren umfasst.
NWZ / vitawell, 14. März 2006
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Maximilian
Moser |
INTERVIEW mit Maximilian Moser:
"Leben ist auch
Musik"
·· Professor Moser, was ist unter Chronomedizin bzw.
Chronobiologie zu verstehen?
MAXIMILIAN MOSER: Neueste Forschungen zeigen,
dass Leben auch Musik ist. In seinen Körperabläufen folgt zum Beispiel der
menschliche Organismus kosmischen Rhythmen wie dem Tag-Nacht-Rhythmus oder dem
Jahresrhythmus. Zu diesen von außen gesteuerten Rhythmen kommen innere Rhythmen
wie Herzschlag, Atmung oder der sogenannte basale Aktivitätszyklus. Diese
Rhythmen sind untereinander vernetzt und verwoben wie die Instrumente eines
Symphonieorchesters. Diese Zusammenhänge untersucht die Chronobiologie, die
Chronomedizin nutzt die Erkenntnisse medizinisch. Auch die Wirkung von
Medikamenten zeigt große Unterschiede, je nachdem, ob diese am Abend oder am
Morgen gegeben wurden.
·· Sie beschäftigen sich schwerpunktmäßig mit den
Zusammenhängen zwischen Rhythmis und Gesundheit - wie stehene diese beiden
Themen miteinander in Beziehung?
MOSER: Ein gesunder Organismus ist
chronobiologisch in Harmonie - seine Rhythmen sind synchronisiert und
aufeinander abgestimmt. Gestörte Rhythmen treten bei Nacht- und Schichtarbeit,
bei hohem Stress und bei Jetlag auf. Neue Studien haben gezeigt, dass diese
Störungen zu schweren Erkrankungen: Stoffwechselstörungen, Herzinfarkt und
erhöhter Krebsrate führen können. Die Wiederherstellung einer intakten Rhythmik
wird in der Medizin, insbesondere der präventiven Medizin der Zukunft eine große
Rolle spielen. Wir entwickeln gerade eine Rhythmustherapie, die dieses Thema zum
Inhalt hat.
·· Wie ist es möglich von außen also mit künstlerischen,
musikalischen oder anderen therapeutischen Mitteln gesundheitsförderndEinfluß
auf diese Körperrhythmen zu nehmen?
MOSER: Körperrhythmen sind Schwingungsvorgänge,
die wie physikalische Schwingungen angeregt werden können und
Resonanzeigenschaften haben. Musik und gestaltete Sprache enthalten Zeitmuster,
die aus der menschlichen Physiologie kommen - sie wurden ja von Menschen
geschaffen. Deshalb sind sie, wie unsere Untersuchungen zeigen, beonders
geeignet, Resonanzphänomene im Organismus auszulösen und blockierte Rhythmen
wieder in Gang zu bringen. Die Wirkung geht über den spezifisch angeregten
Rhythmus hinaus und wirkt auf das ganze rhythmische System und damit auch den
wichtigsten Erholungsryhthmus überhaupt- nämlich den Schlafrhythmus. Guter
Schlaf ist für die tägliche Wiederherstellung von Gesundheit und Wohlbefinden
von größter Bedeutung.
·· Gibt es generell Erkenntnisse aus ihren
chronobiologischen Forschungen darüber, was jeder Einzelne aktiv für die
Erhaltung der eigenen Gesundheit tun kann?
MOSER: Ein bewusster Umgang mit Körperrhythmen
ist schon von Geburt an empfehlenswert. So haben Studien gezeigt, dass eine
tagesrhythmische Beleuchtung gegenüber einer einförmigen Beleuchtung oder
Dämmerlicht besseres Wachtum und weniger Schlafstörungen bei Säuglingen bewirkt.
Auch sehr alte Menschen wissen um die Bedeutung der Rhythmen für die Gesundheit:
Hundertjährige gehen ihrer Umwelt oft auf die Nerven, weil sie genau zu einer
bestimmten Zeit Mittagessen wollen - allein, sie wären ohne diese Einhaltung
eines Tagesrhythmus wahrscheinlich gar nie so alt geworden. Rhythmen sollten
also gepflegt werden. Die Polaritäten, denen wir durch Tag und Nacht, Wärme und
Kälte, Trockenheit und Feuchte ausgesetzt ist, helfen unserem Organismus, seine
Regelsysteme zu eichen und Flexibilität gegenüber Umwelteinflüssen zu behalten.
Gesundheit baut auf Dynamik und Dynamik heisst auch intakte biologische
Rhythmik.
·· Lassen sich aus Ihren Forschungen gesellschaftliche
und gesundheitspolitische Konsequenzen ableiten, wie z.b.für die Gestaltung von
Arbeitsstrukturen und Abläufen oder für gesellschaftliche Einrichtungen?
MOSER: Die wichtigste Konsequenz für die
Arbeitswelt ist wohl die, dass die Maschinen in ihrem Rhythmus dem Menschen
angepasst werden sollten, und nicht umgekehrt. Konkret heisst dies, dass Nacht-
und Schichtarbeit nur im Notfall praktiziert werden sollten und mit ganz anderen
als den bisher üblichen Schichtmodellen. Für die Medizin ergeben sich aus den
Erkenntnissen der Chronobiologie diagnostische und therapeutische Konsequenzen,
die in vielen Bereichen Eingang finden werden.
·· Wie sind sie persönlich zu der Beschäftigung mit dem
thema Rhythmus und Gesundheit gekommen?
MOSER: Ursprünglich war ich in der
Kreislaufforschung tätig, wo man natürlich zwangsläufig mit dem Rhythmus des
Herzens konfrontiert wird und sich fragt, warum der Organismus ein Organ baut,
das ab der dritten embryonalen Woche zu schlagen beginnt, fast sein gesamtes
Wachstum im schlagenden Zustand absolviert und sich bis zum Lebensende keine
Ruhepause gönnt. Dabei stellt man bald fest, welche Vorteile ein schwingendes,
dynamisches System gegenüber einem statischen hat. Von dort zur
(Wieder)entdeckung, dass alle Lebensvorgänge von intensiven Schwingungen
begleitetet sind, ist es nicht mehr weit. Die Begegnung mit einem der
Gründungsväter der Chronobiologie in Deutschland, Gunter Hildebrandt, brachte
mich dann endgültig zum Thema.