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Fortlaufende Singgruppe Druckversion - Impressum - Programmheft (4 MB)

 

Schwingende Körper

aus Alexander Lauterwasser, Wasser-Klang-Bilder, ISBN 3-85502-775-7

Das Phänomen Chladnischer Klangfiguren ist nicht nur von ästhetischem oder physikalisch-wissenschaftlichem Interesse, sondern fand auch im Instrumentenbau eine praktische Anwendung. So können beispielsweise einzelne Holzplatten einer Violine auf diese Weise auf ihre Schwingungseigenschaften hin untersucht werden, um einen optimalen Klangkörper zu erzielen (HUTCHINS in WINKlER 1992: 88ff.). Daraus ergeben sich auch ganz grundsätzliche Einsichten bezüglich des Vorgangs der Resonanz.

In der Abbildung rechts kann man sehr gut erkennen und augenscheinlich nachempfinden, wie die Klarheit und Struktur der jeweiligen Klangfigur mit der Schwingungsqualität und der Resonanzfähigkeit - oder besser Resonanzbereitschaft - einhergeht. Der ganz links abgebildete Violinboden weist sehr gleichmäßig symmetrische und vor allem sehr dünne Knotenlinien auf, während die anderen Böden nicht nur unregelmäßigere Linienverläufe, sondern vor allem unscharfe oder gar verschwommene Linien zeigen.

In der Abbildung rechts kann man sehr gut erkennen und augenscheinlich nachempfinden, wie die Klarheit und Struktur der jeweiligen Klangfigur mit der Schwingungsqualität und der Resonanzfähigkeit - oder besser Resonanzbereitschaft - einhergeht. Der ganz links abgebildete Violinboden weist sehr gleichmäßig symmetrische und vor allem sehr dünne Knotenlinien auf, während die anderen Böden nicht nur unregelmäßigere Linienverläufe, sondern vor allem unscharfe oder gar verschwommene Linien zeigen.

"Die Klangfiguren der Moden 2 und 5 bringen es an den Tag, ob eine Platte gut abgestimmt ist oder nicht. Links ist eine Gegenboden gezeigt, bei dem sowohl die Mode 2 (oben) als auch die Mode 5 (unten) genau das richtige Muster hat. Der mittlere Boden stimmt zwar bei der Mode 5, aber bei der Mode 2 liegt die obere Knotenlinie zu hoch - ein Zeichen, dass die Platte dort zu steif ist.. Der rechte Boden ist am oberen Teil in der MItte zu dick, so dass bei Mode 5 statt einer ringförmigen geschlossenen Knotenlinie zwei getrennte Linien entstehen" (HUTCHINS in WINKLER 1992: 95).


(HUTCHINS in WINKLER 1992: 92)


Das allmähliche Entstehen der Struktur wird in der Abbildung unten deutlich. Mit zunehmender Lautstärke werden immer größere Flächen des Violinbodens von der Schwingung ergriffen, so dass der zuvor gleichmäßig verteilte dunkle Sand sich vom Rand her in Richtung Mitte sammelt. Da aber nicht alle Bereiche des Holzes bei dieser Tonhöhe in derselben Eindeutigkeit mitschwingen, bleibt der Sand breitfächiger liegen als an Stellen klar ausgebildeter Knotenlinien. Dieses Phänomen deutet darauf hin, dass in diesem Bereich das Holz nicht wirklich mitschwingt, also nicht ganz "mitmacht" und unbewegt bleibt. Die Materialität des Holzes verweigert sich hier dem Prinzip der Bewegung; bei sich bleibend verharrt sie in ihrer Stofflichkeit. Genau das meint und bedeutet aber Trägheit: sich in Selbstbezogenheit jeglichem Angesprochenwerden, Sich-Berühren- und -Bewegenlassen entziehen und damit jeglicher Art von Resonanz und Antwort verschließen. Je eingehender wir uns mit diesem Phänomen beschäftigen, desto deutlicher ist zu spüren, wie ähnlich diese Prozesse im Grunde genommen unseren eigenen seelischen Zuständen, Vorgängen und Erlebnissen sind; ob wir erreichbar, ansprechbar, empfänglich, aufgeschlossen, beweglich oder aber verschlossen, unbeweglich, träge, unberührbar, nur bei uns selbst, verhärtet, verstockt oder gar versteinert sind.

Das wohlklingende Instrument ist demnach dasjenige, bei dem sich das Holz dem Prinzip der Bewegung am wenigsten verweigert, wo ein Maximum an Stofflichkeit pulsierende Schwingung wird. Die bloße Gegenständlichkeit wird zum Resonanz- oder Klang-Körper, wird fast zu etwas Lebendigem - ist doch dieses Hinundherschwingen um die starre Ruhelage am sinnfälligsten der Bewegung des Atmens zu vergleichen, diastolisch sich weitend (= weit über sich hinausgehend) und systolisch sich zusammenziehend (= weit über das Normalmaß in sich hineingehend).

Sehr aufschlussreich sind in diesem Zusammenhang Gedanken von G. F. W. Hegel in seinen Vorlesungen über die "Ästhetik" im Hinblick auf ein schwingend erklingendes Musikinstrument. Dieser Vorgang der Überwindung der "bisher ruhig für sich bestehenden Materialität" ist für ihn die Geburt des erklingenden Tones. "Die Aufhebung des Räumlichen besteht deshalb hier nur darin, dass ein bestimmtes sinnliches Material sein ruhiges Außereinander aufgibt, in Bewegung gerät, doch so in sich erzittert, dass jeder Teil des kohärenten Körpers seinen Ort nicht nur verändert, sondern auch sich in den vorigen Zustand zurückzuversetzen strebt. Das Resultat dieses schwingenden Zitterns ist der Ton." Durch jenes innere Erzittern des Köpers", das Vibrierendwerden seiner ansonsten starren räumlichen Grenze verliert die "ruhige materielle Gestalt" ihre bisherige alleinige Gültigkeit, so dass mit einem Mal etwas Umfassenderes, Tieferes, "Ideelleres (...) als die für sich real bestehende Körperlichkeit" hervortreten kann: Hegel nennt es "Seelenhaftigkeit" (HEGEL 1986: 134f.). Weil gerade der Klang im "Erzittern des räumlichen Bestehens" (ebd.: 173) ertönt, ist er "die erste innere Beseelung, welche sich gegen das bloße sinnliche Außereinander geltend macht und durch die Negation der realen Räumlichkeit als ideelle Einheit aller physikalischen Eigenschaften (...) eines Körpers heraustritt" (ebd.:173). Der Repräsentant und unmittelbare Ausdruck dieser ideellen "Einheit aller physikalischen Eigenschaften" ist der Eigenton eines Körpers, seine Eigenschwingung, "der entschiedene Klang, den dieses Ganze von sich gibt", wie es J. W. von Goethe treffend charakterisiert hat, sein "Grundton" (GOETHE 1963.39: 208); eben sein "sound" und wie es im englischen Wort noch mitklingt – sound - ground - sein innerster Grund.

In diesem durch eine "Erschütterung" (ebd.: 208) bewirkten "Erzittern des Körpers" (HEGEL 1986: 179) - und nicht in seiner Zerstörung oder gar völligen Auflösung (vgl. NICKLAUS 1994: 153) -, also im oszillierenden Vibrieren, in der schwingenden "Doppelbewegung" (J. W. v. GOETHE) der zuvor noch so festen und starren Grenze, vollzieht sich da nicht eine Art von Befreiung des im festen Stoff unterdrückten oder besser des zum festen Stoff erstarrten und zum Verstummen gebrachten Tones? Die Befreiung des Tons, in der die im Stoff gefangene "Seelenhaftigkeit" eines Dinges als Eigenschwingung wieder zu atmen beginnen darf, könnte als ein Urbild von Erlösung angesehen werden. Dass wir mit solchen Gedankengängen nicht vom Thema abkommen, sondern durch die intensive Beschäftigung mit Schwingungsprozessen zu umfassenderen Zusammenhängen und einem Gewahrwerden der Universalität dieses Phänomens geführt werden, zeigt ein Blick auf die Kunst und andere Gebiete. Es ist ein Anliegen aller wirklichen Kunst, dieses Festgelegtsein auf die sichtbare, materielle Gestalt und Grenze zu überwinden, hin zu offeneren, weiteren Bezügen. In der bildenden Kunst sind vielleicht besonders die impressionistischen Gemälde ein Beispiel für die gesuchte, im Offen-, Durchlässig- und Schwingend- werden der physischen Grenzen frei werdende Stimmung.

"Aber wie nähere ich mich einem Sein, das nicht tote Identität ist, sondern lebendiges Sein, in dem jede Grenze zugleich die Wahrheit und die Unwahrheit ist?«, formuliert der Philosoph Klaus HEINRICH (1964: 15) diese für jedes Einzelwesen fundamentale Problematik der Grenze: Ist sie eine alles Andere ausgrenzende und ausschließende Wand oder Berührungsfläche und Ort der Begegnung und des Austauschs?

"Je mannigfacher etwas individualisiert ist - desto mannigfacher ist seine Berührung mit anderen Individuen - desto veränderlicher seine Grenze und Nachbarschaft." (NOVALlS 1957,1:470)

Ist diese innere Unruhe, dieses vibrierende Zittern, von dem zum Beispiel alles in van Goghs Bildern ergriffen und durchzogen ist, nicht auch Ausdruck jener von DOSTOJEWSKIJ (o. J.: 637) beschriebenen, in der "steinerne(n) Mauer" ihres "Kellerlochs" eingeschlossenen, verzweifelt um neue, offene Bezüge ringenden, nach dem "lebendigen Leben" schreienden Seele des Menschen oder gar der Welt überhaupt?

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