„Die Musik drückt das aus, was nicht gesagt werden kann und worüber zu
schweigen unmöglich ist.“ (Victor Hugo)
Gesang ist ein wunderbares Mittel, um unseren tiefsten Gefühlen Ausdruck zu
verleihen. Es gibt verschiedene Traditionen und Bräuche bei Völkern und sozialen
Gruppen, seelisches Erleben und Empfinden durch Gesang und Lieder mitzuteilen.
Angefangen bei den weltweit verbreiteten Wiegenliedern, mit denen wir unsere
Babys beruhigen und in den Schlaf wiegen, bis zu Klagegesängen über den Tod von
Angehörigen.

Wir finden Traditionen wie die Flamenco- oder Fadomusik, in deren Liedern uns
von Sehnsucht, Liebe und Schmerz erzählt wird, bis zum Blues der Nachfahren
afrikanischer Sklaven in Nordamerika, die von den harten Bedingungen des Lebens,
von Diskriminierung und Schmerz, aber auch von Liebe und Sex singen. In jeder
Volksgruppe findet sich ein reichhaltiger Schatz an Volksliedern, die untrennbar
mit den Erfahrungen und der Geschichte dieser Volksgruppe verbunden sind.
So finden wir hier neben den grundlegenden Themen wie
Liebe, Trauer und Freude auch Lieder, die vom Verlust oder der Sehnsucht nach
der Heimat erzählen. Oder Lieder, die typische Landschaften und ihre
Besonderheiten besingen.
Das gemeinsame Singen in der Gemeinschaft einer Gruppe ermöglicht den
einzelnen Mitgliedern durch ihre Wunschlieder sich mitzuteilen oder anders
gesagt, die von ihnen persönlich erfahrenen Erlebnisse mit den anderen in der
Gruppe zu teilen. Gemeinsames Singen von Liedern hilft uns dabei Erlebnisse
mitzuteilen, die uns so tief berühren, dass sie nur mühsam in Worte zu fassen
sind. Das Singen kann dabei helfen, dass die verdrängten Gefühle wieder ins
Fließen kommen können – ein wichtiger Schritt aus einer Depression heraus.
Nach meiner Erfahrung ist es gerade bei alten Menschen noch durchaus
selbstverständlich, dass seelische Rührung beim gemeinsamen Singen gezeigt
werden darf. Es ist keine Seltenheit, wenn Augen bei manchen Liedern, die
persönliche Erinnerungen wecken, feucht werden oder dass ein strahlendes Lächeln
auf einem Gesicht erscheint, wenn Erinnerungen an besonders schöne und bewegende
Erlebnisse der Jugendzeit geweckt werden.
Wie sieht es nun aber bei der jüngeren Generation aus? Was gibt es in unseren
hochmodernen, westlichen Leistungsgesellschaften noch für einen Bezug zum
Singen? Wenn wir den Umsatz der Musikindustrie betrachten, dann wird schnell
klar, dass Musik und Gesang nach wie vor für den Umgang mit Emotionen und die
Bewältigung seelischer Erlebnisse eine große Rolle spielen. Auch in den
Tophits, in Schlagern, Folksongs, Lovesongs – und praktisch durch alle Stilarten
der modernen Musik – ziehen sich immer wieder zentrale Themen, die uns in Atem
halten. Nummer Eins ist dabei unumstritten die Liebe in all ihren Spielarten.
Aber natürlich gibt es auch Songs für jede weitere Gefühlstönung, die von
Eifersucht, Einsamkeit, Wut, Enttäuschung, bis zu Trauer oder sogar
Suizidgedanken reichen.
Eine Besonderheit unserer Konsumgesellschaft besteht darin,
dass Musik als Ware leicht erreichbar ist und so für jede Stimmung und jede
Verfassung die passende Musik gefunden werden kann. Viele Jugendliche aber auch
Erwachsene wählen sich Musik, um eine eigene emotionale Stimmung zu verstärken
(z.B. Trauer) oder um sich in eine andere Stimmung durch Musik zu versetzen.
Hier wird sozusagen eine individuelle „Musiktherapie“ von jedermann selbst
betrieben.
Auch in modernen Gesellschaften gibt es noch „Rituale“, um mit besonderen
Situationen fertig zu werden. Das Lied „Tears in Heaven“ von Eric Clapton ist
eines der meist gespielten und gesungenen Lieder bei Beerdigungen – besonders
bei jungen Menschen. Eric Clapton selbst Lied nach dem tragischen Tod seines
damals 4-jährigen Sohnes Conor und hat darin eine besondere Mischung aus Trauer,
Schmerz, aber auch Trost eingefangen, die Menschen auf der ganzen Welt berührt.
Musik erfüllt also in unseren modernen Industriegesellschaften nach wie vor eine
positive Wirkung im Zusammenhang mit dem Ausdruck und der Regulierung von
Emotionen.
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Wolfgang Bossinger, Die heilende Kraft des Singens, ISBN 3-8334-1547-9
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"Das musikalische Herz"