In der Natur gibt es eine unendliche Vielfalt von Tönen, Geräuschen und
Klängen. Wenn wir genau hinhören, bemerken wir, dass wir über alles, was tönt,
viele Rückschlüsse ziehen können auf die inneren Wesenszüge und Charaktere der
Klangerzeuger. Wenn ein Vogel zwitschert, eine Schlange zischt, ein Wasserfall
rauscht, der Wind säuselt, tut sich im Grunde eine innere Welt vor uns auf, die
über Seelenzustände berichtet. Welch wunderschöne Musik, in die wir da
eintauchen können. Diese Musik ist für uns bestimmt. Warum sonst ist unser Ohr
das sensibelste Organ des menschlichen Organismus. Die Klangwelt ist dazu da,
uns seelisch und geistig zu bereichern, uns Wonne zu bereiten, aber auch, um uns
Gefahren rechtzeitig erkennen zu lassen.
Doch im Zuge der rasanten
Entwicklungen in unserer Zeit, fällt es immer schwerer, den Hörsinn
dementsprechend einzusetzen: Die Welt wird immer schneller und lauter. Das
trifft nicht nur auf den Verkehr, den Arbeitsplatz und das moderne Stadtleben,
sondern auch auf die aktuelle Musikszene und die permanente Geräuschberieselung
zu. Es herrscht ein Drang zur Superlative. Alles muss immer größer werden, immer
schneller, immer lauter, höher, weiter, härter usw. Ein Leben ohne Pausen, ein
Leben ohne Stille. Gerade junge Menschen haben es schwer, einen Sinn für feinere
Nuancen zu entwickeln. Beim Fernsehgeflimmer, dem hektischen Bilderwechsel der
Werbespots, dem Getöse in U-Bahnschächten, Discos und dem Straßenverkehr ist es
nur zu verständlich, dass immer mehr Menschen unter Wahrnehmungsstörungen
leiden.
Wie können wir da helfen? Ich meine, dass wir ein kritisches
Hörbewußtsein fördern sollten. Wir müssen erfahren, was Klänge ausdrücken und
bewirken können. Durch wiederholendes Üben im Lauschen, Spüren und Erforschen
von Klängen sollten wir bewußtes Hören schulen und gleichzeitig darüber klar
werden, dass passiver Klangkonsum uns schutzlos nicht kalkulierbaren Einflüssen
ausliefert.
Seit über 10 Jahren arbeite ich an der Entwicklung neuartiger
Musikinstrumente, die das volle Spektrum des Gehörs bedienen. Ich leite
Musikseminare und besuche auch immer wieder Schulen um mit Kindern zu arbeiten.
Meine Erfahrung ist, dass gerade die lang nachschwingenden Klänge es uns
erleichtern in den Klang hineinzugehen und Obertöne und Schwebungen
herauszuhören. Überraschende Klänge regen die Neugier an und machen hellhörig.
Sehr eindrücklich ist es, die Qualität der Töne nicht nur zu hören, sondern auch
anderen Sinnesorganen erfahrbar zu machen, z.B. mit Hilfe chladnischer
Klangscheiben, bei denen man das Schwingungsverhalten von Metallplatten mit
Hilfe von feinem Sand sichtbar machen kann. Je nach Ton entstehen hierbei immer
wieder andere, wunderschöne Formen. Mein Logo zeigt ein Sandbild auf der Membran
eines Tonoskops. Auch unser Tastsinn kann Töne erfahren, wenn wir mitschwingende
Resonatoren berühren oder uns mit Hilfe der "Resonanzwiege" gar auf sie
legen.
Damit kommen wir zu einem anderen wichtigen Aspekt: der Resonanz.
Wenn ich einen Klangstab anschlage und gleichzeitig einen Hohlkörper darüber
halte, dessen Luftsäule mit der Frequenz des Klangstabs übereinstimmt, wird der
Ton viel kräftiger: Der Hohlkörper resoniert. Das Phänomen der Resonanz zeigt
sich nicht nur in der Klangwelt sondern auch in anderen Bereichen. Wenn zwei
Freunde über die Straße gehen und sie "auf gleicher Wellenlänge" schwingen,
fühlen sie sich viel stärker, als wenn sie allein unterwegs wären. Wenn wir mit
Musik in Resonanz gehen, z.B. mit einem traurigen Lied, geht die Stimmung dieser
Musik auf uns über. Wenn wir einen Rhythmus wahrnehmen, versucht sich unser Herz
diesem Rhythmus anzupassen. Wenn unser Herz einem zu schnellen Rhythmus folgt,
treten bei uns die gleichen Symptome wie bei einer körperlichen Anstrengung auf.
Mit Resonanz kann man heilen wie auch zerstören.
Unsere Lernaufgabe
besteht darin, wach zu werden, Töne und Geräusche zu erforschen, ihre inneren
Wesenszüge und die Wirkung zu erkennen. Erst wenn unsere Urteilskraft gut
geschult ist, sind wir frei uns zu entscheiden.
zu Klangkunst
Fassbender